Architektur Forum Ostschweiz

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Weniger ist auch hier mehr

Längst nicht mehr in jedem typischen Appenzeller Bauernhaus leben auch Bauern. Das wirkt sich auf die Gestaltung und Nutzung des Aussenraums aus. Das Ausserrhoder Amt für Raumplanung zeigt in einer Broschüre gelungene und missratene Eingriffe.

16. September 2013 von Marina Hämmerle

Im neuen Leitfaden zur Umgebungsgestaltung des Appenzeller Hauses ausserhalb der dörflichen Bauzone finden sich hilfreiche Hinweise zur Pflege des baukulturellen Erbes und dessen Neuinterpretation. Was die sensible Behandlung der Aussenräume ausmacht und welchen Verführungen widerstanden werden sollte, wird dort allseits verständlich illustriert.
Das Heft ist das dritte einer Reihe von themenbezogenen Leitlinien zur Sicherung der Baukultur ausserhalb der Bauzone im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Nach den Erläuterungen zum Umbau/ Ersatzbau des Appenzeller Hauses und zur Errichtung von Landwirtschaftsbauten widmet sich das kantonale Raumplanungsamtinder
jüngst erschienenen Broschüre nun eingehend  dem nicht minder wichtigen Erscheinungsbild des Aussenraums. Die Behörde, allen voran Amtsleiter Gallus Hess, reagiert damit auf das Bedürfnis nach einer intensiveren Nutzung der Hausumgebung
durch die Bewohner.

Inszenierung statt Bepflanzung
War das typisch appenzellische Gehöft zur Zeit seiner Errichtung noch in bäuerlicher Hand und landwirtschaftlich genutzt, sind heute ruhesuchende Stadtflüchtige, Liebhaberinnen historischer Bausubstanz oder Hoferben, die oft nicht mehr der  Arbeit ihrer Vorfahren nachgehen, die Pfleger und Nutzerinnen solcher Anwesen. Sowenig Zeit den Bauern vor der agrarischen Industrialisierung neben ihrer  tagfüllenden Beschäftigung mit Feld und Vieh blieb, so wenig hielten sie sich zur Entspannung und Musse rund ums Haus auf. Das, was drum herum gepflanzt wurde, diente vorderhand zum Schutz und Nutzen. Die angelegten Zufahrten und Wege  genügten in Kies oder mit halbbefestigtem Untergrund und waren so klein wie nötig gehalten. Heute weichen die sparsam gesetzten Elemente, welche das Haus wie beiläufig flankieren und in seiner ganzen Erscheinung wirken lassen, oft einem dazu entgegengesetzt angelegten Bild der Fülle. Aus der mit Bedacht und Logik  entstandenen Bepflanzung wird zunehmend Garteninszenierung, und aus den nahezu unmerklichen Terrainanpassungen ums Haus werden da und dort wehrhafte Terrassenanlagen. Die Veränderungen in seinem Heimatkanton veranlassten den jungen Landschaftsarchitekten Roman Häne, eine Masterarbeit zum Thema zu verfassen. Diese diente als Grundlage für die Erarbeitung der neuen Broschüre, wie denn die passende Gestaltung um Haus und Hof gelänge.

Angemessen und einfach
Ein kräftiger Laubbaum, wie Linde, Esche oder Bergahorn, macht auf der Westseite den Wetterbaum. Der Trüeter, der Spalierbaum an der wärmenden Hauswand, erbringt Äpfel oder Birnen, der südseitige Holunderbusch liefert Material für Sirup und Marmelade, und das Strussgstell holt Blumenpracht ins Wohn- und Schlaf- zimmer. Abgesetzt vom Haus ein Geviert für Gemüse, Beeren und Blumen, umzäunt mit Holzlatten und oft flankiert von einem Brunnen. Die Buschhecken in der freien Landschaft aus Schwarzdorn, Schneeball oder Esche bilden kleine  landschafts-strukturierende Zeilen, halten den Wind ab und liefern Früchte. Soweit zum ursprünglichen Flora-Inventar.
Meist liegen die typischen Appenzeller Häuser ausserhalb der Bauzone in geneigtem Gelände, laufen die satten Wiesen bis an die Hauswand. Die Zufahrten sind klein und unscheinbar gehalten, die Wendeplätze nötig, die Geländeveränderungen gering – das Haus tut es der Kuh gleich und liegt satt in der Wiese. Entsprechend der selbstverständlich wirkenden Plazierung des Hauses im Gelände bleibt bei ursprünglichen Höfen auch die Gestaltung des Umfeldes angemessen und einfach.

Anbau statt Wetterbaum                                                                                                            Von Altstätten kommend erreicht die Reisende Ausserrhoden über den Stoss. Erstes Einbremsen. Unweit der Schlachtkapelle – zur Erinnerung an den legendären
Sieg der Appenzeller über die übermächtigen Truppen der Habsburger errichtet – liegt ein Gehöft wie aus dem Bilderbuch. Die beschriebenen Attribute alle da und nachvollziehbar, die Idylle wirkt. Eine junge Nichtbäuerin geniesst die Spätsommersonne vor dem Haus. Zweihundert Meter weiter ein Haus gleicher Typologie – doch welcher Unterschied! Der Wetterbaum ist einem niedrigen Anbau mit grossen Fensterflächen gewichen, die ebene Terrasse ermöglicht ein Mauerwerk aus grossen Bruchsteinen, eine mächtige Blautanne setzt südseitig einen Akzent abseits des lokalen Kolorits. Fehlt nur noch die Thujahecke, hinter der sich die Bewohner verschanzen können. Verfremdung? Entfremdung? Was mit der Fehlinter- pretation von historischer Bausubstanz beginnt, endet meist im Unverständnis für Gelände, Materialien und Bepflanzung.
Der Leitfaden des Raumplanungsamtes liefert hierzu nicht nur anschauliche grafische Illustrationen, sondern bebildert das Beschriebene auch mit Fotografien von  Beispielen. Einfach und verständlich erläutert das Diagramm die Skala von plus bis
minus. So einfach, dass man sich wünschte, dies wäre auch Gegenstand von  kultureller Bildung an heimischen Schulen und würde potenziellen Bauherren zuteil. Die Hoffnung ist gross, dass viele dieser Häuser neuen Nutzungen zugeführt werden und revitalisiert für weitere Generationen erhalten blieben. Denn was sich in den Siedlungsräumen an Neuem türmt, kann sich oft nicht mit der Einfachheit und inneren Logik messen, welche den typischen Appenzeller Häusern innewohnt.

Leicht und unaufdringlich
Offensichtlich werden Neubauten, Einfamilienhäuser wie Wohnüberbauungen, von anderen Bildern geprägt, spiegeln diese nicht mehr die verschränkte Beziehung von Mensch und Natur wider, wie sie beim Landwirt und seinemHof zu erkennen ist. Heute wird oft Hand angelegt am Terrain, am gemauerten Cheminée, der Umfrie- dungsmauer aus Granit und den Pflanztrögen mit Koniferen.
Hier verweist die Broschüre die allzu Gestaltungsfreudigen auf die Leichtigkeit und Unaufdringlichkeit von mobilem Garteninventar wie stapel- und klappbaren Sitzmöbeln aus Holz und einfachen Sonnenschirmen, die bei Bedarf aufgerichtet  werden. Wird eine befestigte Terrasse gewünscht, lässt sich diese auch in Holz ausführen oder tut der gekieste Rangierplatz vor dem Haus seinen Dienst. Selbstver- ständnis statt Selbstverwirklichung.
Die von Roman Häne für das Raumplanungsamt des Kantons Appenzell Ausserrhoden verfassten Anleitungen zur verträglichen Umgebungsgestaltung beschränken sich nicht nur auf diesen Haustypus. Genauso gut liessen sich diese in Innerrhoden und im Toggenburg anwenden. Ist zu hoffen, dass das Heft inmöglichst vielen Amtsstuben der Ostschweiz in die Hände von Bauwilligen gerät, um das gängige Baumarkt-Do-ityourself-Bild ein wenig zu korrigieren. Denn weniger ist auch hier viel mehr.