Architektur Forum Ostschweiz

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Neuer Geist im alten Kleid

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Durch eine sorgfältige Sanierung konnte die St. Galler Primarschule Feldli für heutige Anforderungen ausgerüstet werden und ihren ursprünglichen Charakter dennoch bewahren.

 

15. August 2013 von Gerhard Mack

 

Die Primarschule Feldli ist ein Juwel: Mitten im St.Galler Sömmerli- Quartier bietet sie eine Oase des kreativen Lernens. Vier längliche Riegel lagern sich schützend um einen Hof wie die Häuser eines Dorfes um den zentralen Platz. Der Haupttrakt nach Norden, etwas tiefer zwei Quader nachWesten und Osten. Und weiter unten als südliche Begrenzung des Hofes die Turnhalle und der Kindergarten. Jeder Trakt hat seinen eigenen Charakter, alle sind sie in denselben klaren Formen aus wenigen Materialien gebaut. Die Querwände sind aus Backstein, dazwischen ziehen sich Bänder aus Betonbrüstungen und Fenstern. Die schmalen weissen Holzrahmen verströmen mit dem Rot der Mauern unbeschwerte Heiterkeit. Die flachen Dächer und die verglasten Zugangstreppen lassen eher an sommerliche Pavillons als an Schulbauten denken. Hier hört man morgens Kinder lachen.

Jedem Schulzweig sein Gebäude
Dass die Kinder dieses Idyll heute erleben können, verdankt sich einer ungewöhnlichen Entscheidung und der Hartnäckigkeit eines Architekten. Denn die Schule war in die Jahre gekommen. Sie wurde 1957 eröffnet und entsprach längst nicht mehr dem, was heute von einer solchen Anlage erwartet wird: Lehrpläne erfordern Gruppenräume, die Schule muss behindertengerecht und technisch auf  dem neusten Stand sein. Beim Energieverbrauch erwartet die Stadt die Erfüllung des Minergie-Labels, und Erdbebensicherheit sollte ebenfalls nach heutigen Massgaben gewährleistet sein. Eine Sanierung in den Neunzigerjahren hatte manches eher verschlimmert als verbessert. Also vergab die Stadt St. Gallen Mitte der Nullerjahre Studienaufträge für eine grundsätzliche Erneuerung der Anlage.
Dabei war der Bauherrin die baugeschichtliche Bedeutung der Schule bekannt. Sie sollte ins Inventar der schützenswerten Bauten der Stadt St. Gallen aufgenommen werden. Nicht nur, weil der Architekt ein St. Galler war. Eduardo Del Fabro war in der ganzen Schweiz ein wichtiger Vertreter des Neuen Bauens, der sich bald auf den Schulhausbau mittels niedriger Pavillons spezialisierte, wie sie für die 1950er Jahre typisch waren: Im Feldli erhielt jeder Schulzweig sein eigenes Gebäude, die Kinder konnten ihre ersten 15 Lebensjahre als einen Umzug von einem Gebäude ins nächste erleben. Die Bauten waren wie Lebensstationen.

Bestehende Räume neu nutzen
Als einziges Büro des Wettbewerbs schlug der St. Galler Andy Senn 2006 vor, den erweiterten Raumbedarf in den bestehenden Räumen und die gestiegenen technischen Anforderungen unter Erhaltung der historischen Substanz der Anlage zu erfüllen. Dass die Jury sich für ihn entschied, kam einem Manifest gleich: In der Stadt mit dem Weltkulturerbe Stiftsbezirk wurde die Erhaltung eines baugeschichtlichen Zeugnisses der Moderne so ernst genommen, dass man versuchen wollte, die notwendige technische Aufdatierung in der ursprünglichen Struktur durchzuführen.
Möglich gemacht wurde das durch einen unvoreingenommenen Blick auf das Potenzial des Gebäudes und die Anforderungen der Bauherrin. Das begann beim Raumprogramm. Warum muss man einen erhöhten Raumbedarf mit Neubauten befriedigen? Könnte man nicht auch die bestehenden Räume neu nutzen? fragte Andy Senn und fand eine Fülle von Möglichkeiten: So wurde die ehemalige Schulküche in eine Aula umfunktioniert, aus dem Andachtsraum wurde eine helle Bibliothek. In der alten Hauswartwohnung hat die Schulleitung ihre Räume  gefunden.Wo einmal neben dem Eingang zum Nordtrakt der Hort war, haben heute die Lehrer ihr Zimmer. Und vor allem sind die Gruppenräume multifunktional benutzbar.

Isolierglas statt Doppelglas
Diese konzeptuelle Neuausrichtung bewährt sich nicht nur heute, wo auch die Feldli-Primarschule einen Schülerschwund zu beklagen hat. Sie erleichterte vor allem den Umgang mit der historischen Bausubstanz bei der technischen Aufrüstung der Anlage. Minergie-Standard war seitens der Stadt Voraussetzung, Andy Senn erreichte die Drosselung des Energieverbrauchs aber auf eigene Weise. Minergie ist ein privates Label der Bauwirtschaft, das den Verkauf von Dämmprodukten und heiz- technischen Anlagen fördert und dort die Stimmigkeit von Bauten zerstört, wo seine Verfahren ohne Bezug zum spezifischen Ort reflexhaft angewendet werden. Eine der Qualitäten der Sanierung der Feldli-Schule ist es, dass sie vorführt, wie man durch einen Dialog mit dem spezifischen Gebäude auf andere Weise genauso gut Energie sparen kann. Statt die Glasfronten durch dicke Kunststoff- oder Metallrahmen zu ruinieren, liess Senn die inneren Scheiben der Doppelverglasung durch Isolierglas ersetzen und von Schreinern fachgerecht einfügen. Die äussere Schicht blieb erhalten und bewahrt mit ihrem gezogenen Verlauf die Gebäude vor der blauen Spiegelung heutigen Glases. Zur Einsparung von 50 Prozent des Energieaufwandes trugen ebenso die Isolierung der Fensterbrüstungen und Flachdachdecken bei. Die Lüftung, die das Minergielabel zwingend vorschreibt, ohne dass ihr Sinn erwiesen ist, wurde in bestehende Einbau- möbel integriert.

Statischer Verbund
Die technische Aufrüstung der Schulräume gelang ohne Veränderung des Gesamt- eindrucks. Sogar Lifte liessen sich einbauen. Am spektakulärsten ist sicherlich der Eingriff zur Erhöhung der Erdbebensicherheit im Westtrakt, dessen Decken an vier Stellen auf unverbundenen Querwänden aufliegen. Statt nun Fensterbänder zuzubetonieren, wie dies ein Statiker vorgeschlagen hatte, entwickelte der Ingenieur Jürg Conzett ein System aus zwei vertikalen Betonplatten an der äusseren Stirnseite, Betonzügen im Keller und Verbindungen zwischen Wänden und Decken in den  betroffenen Schulzimmern. So entstand ein statischer Verbund, der die Kräfte auch bei maximaler Erschütterung ableitet. Diese Verbindungsstücke sind vom Künstler
Michel Pfister als schuhartige Objekte gestaltet. Eine beispielhafte Verbindung von Ingenieurstechnik und Kunst am Bau!

Aufgefrischt und ergänzt
Sensibilität für das Gebäude äussert sich auch im Materialbewusstsein: Wo Back- steine ausgewechselt werden mussten, wurden solche mit ähnlicher Lebendigkeit
verwendet. Vorhandenes Mobiliar hat man ebenso aufgefrischt und ergänzt wie die Türblätter mit ihrer einzigartigen Beschichtung, wie Garderoben und Brünneli, Terrazo-Böden und Pavatex-Deckenverkleidungen in den Treppenaufgängen. Die Beleuchtung ist mit neu entwickelten Punktlichtern an den ursprünglichen Zustand angenähert. Die Turnhalle erhielt ihre Südwand aus Glasbausteinen und klappbaren Holzfenstern zurück, die in den Neunzigerjahren durch zeitfremde Materialien ersetzt worden waren. Subtiler, überzeugender kann ein Manifest für sachgerechten Umgang mit historischen Bauten nicht werben.

 

Bilder: Hanspeter Schiess